Zeichnung einer Baustelle

3.6 Anspruch „der Höhe nach“ 3 – Produktivitätsverlust durch Ablaufzerstückelung

Zur Wiederholung: Für ein baubetriebliches Nachtragswesen sind die kausalen Zusammenhänge von Störungen plausibel und eindeutig zu belegen. Und weiter „Der Nachweis der Höhe nach“ darf innerhalb bestimmter Grenzen plausibel geschätzt werden (z.B. Urkalkulation) (siehe juristische Anforderungen 3.2). Das Bautagebuch (siehe Bautagebuch 2.1) und die erfassten Ist-Stunden bzw. deren Auswertung (siehe Stundenvergleich 2.3 oder auch Kostenstellenrechnung der Fibu) sind folglich kein Nachweis. Sicherlich sollten BZP IST (siehe BZP IST 2.4) und BZP Soll-Strich (siehe BZP Soll-Strich 2.5) einigermaßen übereinstimmen und diese Daten können die Schätzungen „erhärten“. Abgestellt wird auch hier auf die vergleichbare und nachvollziehbare Differenz zweier „Zustände“; womit wir wieder beim BZP Soll Null (siehe BZP Soll Null-1.2) und dem störungsmodifizierten baubegleitend angefertigten BZP Soll Strich (siehe BZP Soll Strich 2.5) wären.

Da die Begründung der im BZP Soll-Strich dargestellten Mehraufwendungen bereits innerhalb des Nachweises „dem Grunde nach“ (siehe „dem Grunde nach“ 3.3) ursachenbezogen erläutert wurde, sind die zu verhandelnden Details eher die angesetzten Verrechnungssätze (aus Vertrag, Baugeräteliste usw.) und die Höhe der anfallenden Mehrstunden für kapazitives Personal und Leistungsgeräte wie im BZP Soll-Strich graphisch dargestellt. Dass die Zerstückelung der Bauabläufe zu Mehraufwendungen führt, wird i.d.R. auch vom AG nicht bestritten. Die Aufgabenstellung liegt eher im Nachweis der Höhe. Bei fehlenden Vereinbarungen im Vertrag kann für die Ermittlung der Kosten der Leistungsgeräte ersatzweise die Baugeräteliste verwendet werden (lt. Urteil eines OLG minus 30 % plus Betriebsstoffe). Für den Fall, dass es strittig werden sollte, dass die Summe der Stunden bei Teilbaufeldern deutlich höher ist, als beim durchgehenden Arbeiten, ist der Verweis auf die Arbeitszeitrichtwertetabellen – erstellt vom Hauptverband des Deutschen Bauindustrie und vom Zentralverband des Baugewerbes mit REFA-Methoden als Grundlage für Leistungsentlohnung - hilfreich. Diese Tabellen weisen getrennt Rüstzeiten und Arbeitszeiten aus. In einer Kalkulation erfolgt diese Art der Trennung so gut wie nie.

Musterprojekt Bauablaufstörung

Konkret in unserem Beispiel ergaben sich für die in Teilabschnitte „zerlegten“ Arbeitsblöcke „Roden und Fällen“ (BZP Soll-Null Zeile 3, BZP Soll-Strich V2 Zeilen 5 und 6) sowie „Abbruch von Oberflächen und Einfassungen“ (BZP Soll-Null Zeile 5, BZP Soll-Strich V2 Zeilen 9 und 11) Differenzen, verursacht durch die beiden Störungen.

Tabelle Stundennachtrag


Der Soll-Null weist folgendes aus:

Arbeitspaket „Räumen Fläche, Bäume fällen, Roden, Stuben fräsen (Zeile 4)
3 AK 1 Tag (8h) = 24 h

Arbeitspaket „Abbruch Oberflächen und Einfassungen“ (Zeile 5)
5 AK 2 Tagen = 80 h

Im BZP Soll-Strich V2 erhöhen sich die Werte, graphisch nachfolgend dargestellt. Wichtig ist folglich aktuell den neuesten Bauzeitenplan Soll-Strich dem AG „wirksam zuzustellen“ und dessen Auswirkungen mit ihm zu kommunizieren – sinnvollerweise in schriftlicher Form.

Tabelle Bauzeitplan Nachtrag


Im BZP Soll-Strich ergeben sich:

Arbeitspaket „Räumen Fläche, Bäume fällen, Roden, Stuben fräsen (Zeile 5,6)
3. April: 3 AK 6 h = 18 h
5. Mai: 2 AK 6 h = 12 h
-----------
= 30h

Arbeitspaket „Abbruch Oberflächen und Einfassungen“ (Zeile 5)
4. April: 5 AK 8 h = 40 h
5. April: 2 AK 8 h = 16 h
5. April: 3 AK 4 h = 12 h
6. April: 4 AK 4 h = 16 h
8. Mai: 2 AK 6 h = 12 h
-----------
= 96 h

Die störungsbedingten Mehraufwendungen – ursachenbezogener Nachweis dargestellt und mit dem AG kommuniziert im Soll-Strich V2 – ergeben somit Differenzen für das Roden von 6 Stunden und für den Abbruch von 16 Stunden. Der störungsverursachte Mehraufwand (= schleichende Produktivitätsverschlechterung) beträgt somit bei den beiden dargestellten Störungen zusammen 22 Stunden für kapazitives Personal. Hinzu kommen zwei Stunden Stillstandzeit des Vorarbeiters (s. BZP Soll-Strich V2 Zeile 8); in Summe damit 24 Stunden.

Der Mehraufwand für die Leistungsgeräte, welche i.d.R. nicht den Arbeitspaketen genau zugeordnet werden können, lässt sich wie folgt ermitteln:

22 h Personeller Mehraufwand aus Produktivitätsverschlechterung in Stunden
: 4,6 Durchschnittlicher Personalbestand auf der Baustelle
: 8,0 Durchschnittliche Arbeitszeit täglich
-------
0,6

Der Mehraufwand der Leistungsgeräte entspricht also 0,6 von 1 vom angesetzten Kostenansatz.

Tabelle AK


Die Mehraufwendungen für beiden Störungen zusammen ergeben sich damit wie folgt:

personelle Kapazitäten: 24 h x 50,- € = 1.200,- €
maschinelle Kapazitäten: 0,6 Tag x 600,- € = 360,- €
--------------
= 1.560,- €

Dieser baubetriebliche Nachtrag ist ursachenbezogen, weist die Zurechnung gegen den AG nach und stellt auf den Vergleich zweier vergleichbarer dokumentierter Zustände ab. Produktivitätsverschlechterungen haben massive Auswirkung auf das Ergebnis der Baustelle.

Die Mehraufwendungen aus Bauzeitverlängerung (siehe „Anspruch der Höhe nach 1“ 3.4) und die Möglichkeit der Abrechnung in Zusammenhang mit technischen Nachträgen (siehe „Anspruch der Höhe nach 2“ 3.5) werden an entsprechender Stelle im Bau-Wiki erläutert.

Quellen zu diesem Themenkomplex sind die Dissertation von Professor Felix Möhring und die REFA –Ingenieurarbeit von Jürgen Schwarz.