Klassisches Design im Neubau: Rückkehr zur Architektur

Wer in den letzten zwei Jahren durch neu erschlossene Wohngebiete in München, Leipzig oder Köln gelaufen ist, hat es vielleicht bemerkt: Zwischen den üblichen Flachdachriegel-Bauten tauchen plötzlich Gebäude auf, die mit Gesimsen, Pilastern und Sprossenfenstern arbeiten. Kein Gründerzeitbestand, kein saniertes Altbauensemble, sondern echter Neubau im klassischen Gewand. Diese Entwicklung ist kein Zufall und kein regionaler Trend, sondern eine zunehmend strukturierte Gegenbewegung zur Dominanz des sogenannten Internationalen Stils der Nachkriegsmoderne.

Woher kommt die Nachfrage nach klassischer Architektur?

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Das Meinungsforschungsinstitut YouGov ermittelte 2022 in einer europaweiten Befragung, dass rund 72 Prozent der Bevölkerung traditionelle Baustile gegenüber modernen Glasfassaden bevorzugen, wenn es um das eigene Wohnumfeld geht. In Deutschland war der Anteil mit 68 Prozent ähnlich hoch. Gleichzeitig haben Architekturverbände wie das Institute of Classical Architecture & Art (ICAA) in den letzten fünf Jahren ihre Mitgliederzahlen nahezu verdoppelt.

Hinter dieser Nachfrage stehen mehrere Faktoren. Zum einen hat die Pandemiezeit das Bewusstsein für das unmittelbare Wohnumfeld geschärft. Wer monatelang in der eigenen Straße unterwegs war, entwickelte ein stärkeres Gefühl dafür, ob diese Straße angenehm oder bedrückend wirkt. Zum anderen spielt die demografische Entwicklung eine Rolle: Ältere Kaufinteressenten mit hoher Kaufkraft orientieren sich stilistisch stärker an historischen Vorbildern. Und schließlich haben jüngere Architekturbüros klassische Formensprache neu für sich entdeckt, ohne dabei in nostalgischen Historismus zu verfallen.

Was konkret bedeutet „klassisches Design“ im Neubau?

Der Begriff wird oft unscharf verwendet. Im Kontext moderner Neubauten meint er nicht das originalgetreue Kopieren historischer Bauten, sondern die Übernahme strukturierender Prinzipien: Symmetrie, vertikale Gliederung, Sockelzone, Hauptgeschoss und Attikaabschluss, Proportionsregeln aus der Antike oder dem Klassizismus sowie der Einsatz von Materialien mit einer gewissen Würde, also Naturstein, Klinker, Putz mit Profilierung statt glatter WDVS-Fläche.

Konkrete Bauelemente, die in diesem Zusammenhang immer häufiger verbaut werden:

  • Sprossenfenster mit Holz- oder Aluminiumrahmen in anthrazit oder weiß
  • Profilierte Fensterbänke und Sohlbankgesimse aus Naturstein oder Faserbeton
  • Putzfassaden mit horizontaler Nutung an der Sockelzone
  • Erker und Loggien mit tragender Optik statt auskragenden Betonplatten
  • Satteldächer mit steiler Neigung und Gauben statt Flach- oder Pultdach

Ein bekanntes Beispiel ist das Stadtquartier „Schulstraße“ in Potsdam, wo ab 2019 insgesamt 34 Stadtvillen mit klassischer Fassadengestaltung entstanden sind. Quadratmeterpreise von über 6.800 Euro beim Erstverkauf belegen, dass der Markt diese Qualität auch zu honorieren bereit ist.

Herausforderungen bei der Umsetzung

So eindeutig die Nachfrage ist, so anspruchsvoll ist die Ausführung. Klassische Detailarbeit an Fassaden kostet Geld, keine Frage. Ein profiliertes Stuckgesims aus mineralischem Gipsmörtel schlägt mit 80 bis 140 Euro pro Laufmeter zu Buche, fertig versetzt. Eine glatte WDVS-Fläche kostet das Vier- bis Fünffache weniger. Für Bauträger, die auf enge Margen kalkulieren, ist das eine echte Hürde.

Hinzu kommen Schnittstellenprobleme auf der Baustelle. Viele ausführende Unternehmen haben schlicht keine ausgebildeten Stuckateure mehr. Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes verzeichnet seit 2010 einen Rückgang der Stuckateurbetriebe um rund 23 Prozent. Wer heute auf der Baustelle klassische Ornamentik umsetzen will, muss frühzeitig planen und Subunternehmer mit entsprechendem Profil gezielt suchen. Kurzfristig lässt sich das nicht organisieren.

Auch der Umgang mit Wärmeschutzanforderungen ist nicht trivial. Die Energieeinsparverordnung und ihr Nachfolger, das Gebäudeenergiegesetz (GEG), verlangen Dämmdicken, die klassische Profilierungen an der Außenwand physikalisch erschweren. Lösungsansätze gibt es, etwa Kerndämmung statt Außendämmung oder die Verwendung von Porenbeton mit hohem Wärmedämmwert als monolithische Konstruktion. Beide Wege sind technisch machbar, verlangen aber in der Planung mehr Aufwand als ein standardisierter WDVS-Aufbau.

Markt und Standort: Wo klassisches Design besonders gut funktioniert

Nicht jeder Standort verträgt oder verlangt klassische Formensprache gleichermaßen. In gewachsenen Stadtteilen mit gründerzeitlicher Prägung, in Universitätsstädten oder in Lagen mit hohem Anteil älterer Bestandsgebäude fügt sich ein klassisch gestalteter Neubau organischer ins Stadtbild ein als in einem Gewerbegebiet der 1980er Jahre. Das spielt auch für die Vermarktung eine Rolle.

Wer im Großraum Köln Immobilien kauft oder verkauft und sich fragt, wie stark dieser Stiltrend die Preisbildung beeinflusst, findet bei einem erfahrenen Immobilienmakler Köln kompetente Einschätzungen auf Basis aktueller Marktdaten. Denn die Wertstabilität klassisch gestalteter Neubauten hängt eng damit zusammen, ob der Standort die Zielgruppe auch langfristig anzieht.

Grundsätzlich gilt: Klassisches Design zieht besonders in folgenden Kontexten gut an:

  • Innerstädtische Lückenbebauung in Bestandsquartieren
  • Stadtrandsiedlungen mit explizitem Einfamilienhauscharakter
  • Denkmalschutzumgebungen, in denen die Baubehörde ohnehin stilistische Anpassung verlangt
  • Projekte für die Nachfrageschicht 55plus mit entsprechender Kaufkraft

Klassisch und nachhaltig: kein Widerspruch

Ein verbreitetes Vorurteil lautet, klassische Architektur sei zwangsläufig ressourcenintensiv und ökologisch rückwärtsgewandt. Das stimmt so nicht. Natürliche Baustoffe wie Kalkputz, Naturstein und unbehandeltes Holz haben zum Teil deutlich günstigere Ökobilanzen als synthetische Dämmsysteme oder Aluminiumverbundplatten. Ein Kalksandsteinmauerwerk mit Kalkputzfassade ist reparierbar, recyclierbar und langlebig. Fassaden, die 80 oder 100 Jahre halten, sind ökologisch effizienter als solche, die nach 30 Jahren komplett erneuert werden müssen.

Mehrere Bauträger in Süddeutschland arbeiten bereits mit dem Konzept der „langlebigen Klassik“: Tragwerk in Stahlbeton oder Mauerwerk, Fassade in verputztem Ziegel oder Klinker, innen flexible Grundrisse mit nichttragenden Leichtbauwänden. Diese Kombination erlaubt eine hohe stilistische Qualität nach außen und maximale Nutzungsflexibilität nach innen.

Was Bauleiter und Planer jetzt tun können

Für alle, die aktiv in Neubauprojekte eingebunden sind, ergeben sich aus diesem Trend konkrete Handlungsfelder. Klassische Details müssen früh in die Ausschreibung, damit geeignete Fachbetriebe angesprochen werden können. Leistungsverzeichnisse sollten Stuckateurarbeiten, Natursteinarbeiten und Fensterkonstruktionen detaillierter beschreiben als bei glatten Standardfassaden üblich. Musterflächen auf der Baustelle sind bei Profilierungen kein Luxus, sondern Voraussetzung für eine abnahmefähige Ausführung.

Darüber hinaus lohnt sich ein Blick auf Referenzprojekte innerhalb Deutschlands, die klassische Formensprache mit modernen Baustandards verbinden. Das „Viertel Zwei“ in Wien, das Stadtquartier „Lene-Voigt-Park“ in Leipzig oder diverse Projekte des Büros Patzschke Architekten in Berlin zeigen, dass die Verbindung aus Qualitätsanspruch, Wirtschaftlichkeit und Zeitgemäßheit machbar ist. Es erfordert lediglich etwas mehr Vorlaufzeit und ein Planungsteam, das klassische Details nicht als Last, sondern als Kompetenzfeld begreift.

Die Rückkehr des klassischen Designs ist kein sentimentales Aufflackern. Sie ist eine marktgetriebene, architektonisch fundierte Bewegung, die im Bauwesen konkrete Anforderungen an Planung, Ausführung und Kalkulation stellt. Wer sich frühzeitig damit auseinandersetzt, ist besser aufgestellt als derjenige, dem der Wunsch des Bauherrn nach einem Gesims erst in der Ausführungsplanung begegnet.